Es scheint banal, zu sagen, dass man in eine Welt aus Farbe eintritt, wenn man diese
Ausstellung durchstreift. Und dennoch möchte ich so beginnen. Nicht, um Ihnen nur das
zu sagen, was Sie ohnehin schon sehen, sondern um dem Prinzip der Einfachheit zu
folgen. Diese Einfachheit, Schlichtheit, das Leise – das ist das wichtigste
Organisationsprinzip in den Arbeiten Takayanagis. Was sie uns mit Ihrer Malerei
eindrucksvoll vor Augen führt, ist, dass „einfach“ nicht unoriginell oder gar langweilig
bedeutet. Im Gegenteil.
Schauen wir auf ihre Motive: Es sind Landschaften. Landschaften, die sich aus Farben
zusammensetzen. Damit stellt sie sich in eine jahrhundertealte Maltradition, ist also
keineswegs innovativ. Dennoch sind ihre Bilder unverwechselbar. Wie kommt das?
Der Mensch setzte sich immer mit der Natur, der ihn umgebenden Landschaft
auseinander. Zu Zeiten, als die Natur gefährlich, dominant und gefürchtet war, also bis
weit ins Mittelalter hinein, gab es keine Landschaftsmalerei. Als sich der Mensch
zunehmend emanzipierte und von der Natur distanzierte, konnte er die Rolle des
Wertschätzers, des Genießers einnehmen. Die Natur wurde nun weniger als Gewalt
erfahren, wohl aber hinterließ sie noch einen Schauer, der nun als Erhabenheit galt, und
dem ästhetisch im Landschaftsbild eine Form zugewiesen wurde. Spätestens in der
Romantik wurde die Landschaft so zum Spiegel der Seele, im Expressionismus zu
Projektionsfläche der eigenen Empfindungen, in der Abstraktion zum Anlass rationaler
Reduktion, der menschliche Geist dominiert letztlich die Natur. Eine zeitgenössische
Position sollte sich also all dieser Vorstufen bewusst sein und sie transzendieren und
dabei eine eigene Position entwickeln. Das versucht Mamiko Takayanagi in ihrer
besonderen Verbindung von Zeit und Raum.
Die Künstlerin folgt beim Malakt ihrem Gefühl. Ihr Ansatz ist also radikal subjektiv,
dennoch will sie die Kommunikation mit dem Betrachter nicht gefährden. So schlicht
auch das wieder klingt, so stimmig ist es. Bei einem derart subjektiven Ansatz auf das
Sujet der Landschaft zu setzen ist passend und klug, denn so kann anhand eines
objektivierbaren Äußeren das Innere nachvollzogen werden. Die Landschaft ist die
Bühne, die Künstlerin und Betrachter teilen. Etwas, zu dem sich jeder in Beziehung
setzen kann. Denn würde sie einfach nur Farben aneinander setzen und behaupten, so
sähen ihre Gefühle nun einmal aus, wäre das Werk schwerlich relevant für ihre
Betrachter. So sehen wir wenigstens noch im Ansatz, was den Malimpuls gab, und wir
können anhand Takayanagis Umformungen noch mehr über die Ansicht, über den
Moment der Entstehung, über das visuelle Repertoire unserer Umwelt und das
perzeptive Repertoire unseres Wahrnehmungsapparats erfahren. Der Titel der
Ausstellung bündelt dieses Bestrebens. My place – your place. Es geht um das Teilen.
Von Erfahrungen, Leidenschaft, Eindrücken. Eine Kunst der Beziehungen.
Es ist nicht nur Farbe, nicht nur Form – es sind die Verhältnisse und letztlich unser
Verhalten zum Bild. Das Moment Zeit ist dabei insofern mit integriert, als es uns ein
paar Sekunden, vielleicht sogar länger, kostet, um die Verschiebung von Mamikos
Farbwahrnehmung hin zu unserer eigenen, erinnerten vorzunehmen. Sie spricht vom
"Augenblick der Farbe", schreibt also der Farbe an sich schon eine zeitliche Qualität
zu. Diese Farbverschiebung ist auch eine Art von Selbstvergewisserung: Nimmt man ein
Foto zur Hand, so kann das, was man sieht, von jedem eingefangen worden sein.
Natürlich beschwört auch das Erinnerungen hervor. Sieht man aber eine Landschaft in
der eigenen "Zeitfarbe", so ist es eine Manifestion des eigenen Blicks. Die Farbe ist ein
Ort, ein Ort zu einer bestimmten Zeit und dieser Ort wird nun geteilt. Mit Ihnen.
Natürlich muss auch das Thema Farbe, wohl das Hauptthema dieser Arbeit, separat
und genau betrachtet werden. Wie Sie den Bildern ansehen können, verlaufen und
vermischen sich ihre Farben nicht. Es scheint fast so, als hätte Mamiko zu großen
Respekt vor der Schönheit jedes gewählten Farbtons, dass sie ihm seinen eigenen
Raum unbedingt zugestehen möchte. Dies ist auch ein wichtiger Faktor dafür, dass wir
diese zunächst abstrakt wirkenden Farbspielereien als Landschaften mit Dimension
und Tiefe wahrnehmen können. Denn dadurch, dass die Farben klar voneinander
abgegrenzt sind, entsteht ein scherenschnittartiges Panorama. Man hat das Gefühl, als
läge Farbschicht auf Farbschicht – und da wir viele Farben sehen, assoziieren wir Tiefe
und Raum. Gleichzeitig werden die statischen Landschaften dadurch quasi lebendig.
Denn wenn hier und da noch ein Rest einer anderen Farbe hervorlugt oder gerade
hinter einer anderen zu verschwinden droht, verliert sich die Gewissheit des Fixierten.
Die Farbschichten werden mobil, variabel und veränderbar wie die Natur, zu der sie
Analogien bilden.
Ich kann nur nachdrücklich dazu ermutigen, die Nähe dieser Bilder zu suchen, jede
Farbe genau zu betrachten und die Abhängigkeit der Farben untereinander zu
studieren. Sie werden merken, dass Sie ein lieb gewonnenes Rot vielleicht in einem
anderen Bild in anderem Kontext wiederfinden – und es hat sich verändert. So kann
auch das Sich-Verlieren in den Farbwelten Takayanagis zum emotionalen Erlebnis
werden. Sie präsentiert uns eine Kunst der Verhältnisse. Farben, die sich in ihrer
Farbqualität zueinander verhalten, Mengen, die unseren Fokus verändern. Sie können
feststellen, dass die Bilder so viel Kraft haben, dass sie trotz des kleinen Formats den
umgebenden Raum mit verändern und integrieren und natürlich, dass sie auch
miteinander kommunizieren (meist entstehen im Atelier der Künstlerin auch zwei bis drei
Werke gleichzeitig).
Der Galerieraum ist ein weiterer Ort, der gemeinsam erlebt wird. Es ist kein neutraler,
privater, sondern ein öffentlicher Raum. So verbindet sich die Künstlerin mit dem
Publikum, denn sie möchte ihren Raum teilen, sie möchte herausfinden, wer sie ist,
indem sie mit ihren Mitteln, nämlich der Farbe, der Landschaft und dem Publikum
kommuniziert.
Ein weiterer wichtiger Faktor für das Entstehen einer Räumlichkeit ist das
Mengenverhältnis der Farben untereinander. Auf den meisten Bildern dominieren ein
bis drei Farben, die sehr großflächig eingesetzt werden. Dem gegenüber stehen eine
Vielzahl von Tönen, die in sehr viel kleineren Mengen eingesetzt werden. Man muss
also seinen Fokus verschieben von einer Totalen auf eine Detailsicht, wenn man alle
visuellen Angebote, die das Bild macht, auch nachvollziehen und genießen möchte.
Genauso nehmen wir Landschaften wahr. Erst der Blick auf den schönen, weiten
Horizont, danach vielleicht auf Details wie Reflexe der untergehenden Sonne auf der
Wasseroberfläche, vorbeiziehende Vögel, der Dampf eines fernen Schiffes, oder
ähnliches. Eine Kunst der Beziehungen.
In der Flächigkeit des Farbauftrags sieht man letztlich auch die japanische Herkunft der
Künstlerin, den Anklang an die japanische Maltradition. Dünner, glatter Farbauftrag,
Betonung der Farbwerte – das ist ihre Weiterentwicklung der Tradition, der sie
entstammt. Dabei kümmert sie die Kategorie des Dekorativen nicht im Geringsten.
Die Art und Weise, wie sie ihre Farben wählt und komponiert, kann man als
musikalisch bezeichnen. Farbmengen wie Lautstärke, Farbkombinationen wie
Harmonien, Farbtöne wie Klänge – auch so kann man sich dieser Malerei nähern.
Mamiko sagte mir selbst im Gespräch, dass sie die Töne ihrer Farben deutlich hören
könne. Was als fragile Musik im Kopf angelegt ist, gewinnt durch die Fixierung auf die
Leinwand an Präsenz, Deutlichkeit, Klarheit. Den Klang oder die Gesamtmelodie
letztlich zu sehen, ist für die Künstlerin somit eine gute Methode der Überprüfung. Klingt
alles richtig – oder muss ich noch eine Farbe verändern, hinzufügen oder wegnehmen?
Mamiko Takayanagi liebt Farben. Sie liebt ihr Spiel und sie weiß genau, was eine Farbe
mit der anderen anstellt. Sie setzt ihre Farben intuitiv und, wie sie mir sagte, mit
zunehmender Sicherheit auf die Leinwand. Sie arrangiert die Beziehungen.
Sie erkennen in allen Werken dieselbe Handschrift. Und vielleicht kommt bei dem
einen oder der anderen von Ihnen die Frage hoch, was einer Künstlerin, die so
souverän und gereift erscheint, eine solches Stipendiatszeit überhaupt bringen kann.
Vor allen Dingen ist es: Zeit. Zeit, so sagte sie mir selbst, die sie vorher nicht hatte, um
die Bilder noch stärker zum Klingen zu bringen, um die Farben noch stärker zu
differenzieren, um die Formen noch harmonischer, sicherer und tiefer anzulegen. Diese
Kunst kann nicht in Eile oder gehetzt entstehen, sie braucht vielmehr einen
Schutzraum, in dem sie entstehen kann. Natürlich würde sie, egal wo sie ist, Werke mit
der ihr eigenen Handschrift hervorbringen – aber es sind auch Werke dabei, die sich
nun mit den landschaftlichen Reizen der Lemgoer Umgebung beschäftigen. Und
niemand von Ihnen wird ernsthaft behaupten können, so hätte er Lemgo schon einmal
gesehen. Dieser neue Blick auf unsere Umwelt ist das Geschenk, das Mamiko
Takayanagi zu machen hat. Ihr Werk wird wachsen und mehr und mehr unterschiedliche
Landschaften hervorbringen. Aber gerade frisch nach dem Studium braucht ein junger
Künstler natürlich den Zeit und den Raum, das frisch angeeignete Individuelle zu
vertiefen und differenzieren. In den hier vorgestellten Arbeiten Takayanagis sieht man
das sehr deutlich.
Was mich persönlich fasziniert, ist, dass sie schlichte, unprätentiöse Bilder präsentiert.
Zeit, Raum, Farbe und Gefühl sind ihre Grundkonstanten, ihr Material. Ihre Kunst
besteht darin, diese schlichten Parameter in ein überzeugendes Verhältnis zu
setzen. Und genau davon sollten Sie sich jetzt selbst überzeugen. Vielen Dank!

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solo show "small talk"

2017.Oct.17-22.

The Ar complex Center Tokyo

2Floor ACT3

http://www.gallerycomplex.com/schedule/ACT173/takayanagi_mamiko.html

 

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